Verschwörungstheorien im Fokus - Ergebnisse eines Studientags

Unter der Überschrift „Wir werden permanent belogen! Reiz und Risiko von Verschwörungstheorien“ kamen Anfang Oktober die beauftragten Pfarrerinnen und Pfarrer für Weltanschauungsfragen aus den Kirchenbezirken der Landeskirche mit anderen Interessierten im Hospitalhof Stuttgart zu einem Studientag zusammen.

Den Anfang machte Professor Dr. Michael Butter, der an der Universität Tübingen amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte lehrt. Auf spannende Weise führte er ins Thema ein, indem er die drei „Eckpfeiler“ einer Verschwörungstheorie beschrieb: 1.) „Alles wurde geplant.“ 2.) „Alles ist miteinander verbunden.“ Und 3.) „Nichts ist, wie es scheint.
Verschwörungstheorien als Machttheorien seien keine anthropologische Konstante, sondern kämen erst ab der Aufklärung als europäische Denkfigur in die Welt. In diesem Kontext helfen sie dabei, in Zeiten der Verunsicherung das Bedürfnis nach „Sinn“ im Weltgeschehen zu befriedigen. Die Anhänger dieser Ideen könnten so einerseits ihr eigenes Leben als „von oben“ gesteuert deuten und sich andererseits als „Eingeweihte“ herausgehoben aus der Masse der „Blinden“ geben.

Im Anschluss an den Vortrag berichteten die drei Hauptamtlichen von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen von drei Bereichen, in denen Verschwörungstheorien in der Weltanschauungsarbeit vorkommen:

Annette Kick gab eine Einführung in christlich-fundamentalistische Verschwörungstheorien, die alles, was an Weltgeschehen nicht in ihr angeblich „biblisches“ Konzept passt, als teuflische Verschwörung erklären; Philipp Kohler erläuterte Verschwörungstheorien im Bereich von Gesundheits- und Heilungsangeboten am Beispiel von Geerd Ryke Hamers „Germanische Neue Medizin“; und Svenja Hardecker beschrieb die „Reichsbürgerbewegung“ als eine neue politische Strömung, die ihre Identität aus der Verschwörungstheorie zieht, dass wir nicht in der BRD, sondern immer noch im Deutschen Reich leben.
Zum Abschluss des Studientags kamen die Beauftragten zum Thema „Verschwörungstheorien als Element von Radikalisierungsprozessen bei Jugendlichen“ mit Tilman Weinig, dem Leiter des Projekts InsideOutNow ins Gespräch. Weinig erläuterte die Themenschwerpunkte und Arbeitsweisen des Projekts, das sich auf Prävention im Bereich religiöser Radikalisierung spezialisiert hat, und beschrieb Verschwörungstheorien als einen „Katalysator“ im Radikalisierungsprozess. Besonders wirkmächtig für Radikalisierungen zum Dschihadismus sei z.B. die Annahme, dass Muslime auf der ganzen Welt von Nicht-Muslimen unterdrückt würden und dagegen nur der gewalttätige Kampf helfe. Damit solche Gedanken nicht Fuß fassen können, brauche es eine gesunde Verwurzelung in der Realität, am besten durch "Anerkennung und Arbeit".